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Wie Adina männlich wurde und die, deren Name sich niemand merken konnte, grund-los zornig war

 

Der Bahnhof in Königs Wusterhausen: grau, trist, verregnet. Das einzig Ungewöhnliche an diesem Tag ist eine Gruppe wild durcheinander schnatternder Schüler auf dem Bahnsteig. Wo die nur hinwollen? Nun, bei besagter Gruppe handelt es sich um niemanden anderes als um den Grundkurs Musik des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums von Herrn Höhlig. Und der Grund unserer Anwesenheit auf dem Bahnsteig an jenem trüben Montagmorgen war, dass wir uns brennend für Oper interessieren. Oder sollte ich sagen: unser Lehrer? Wie dem auch sei, unser Ziel war die Staatsoper, die derzeit im Schiller-Theater untergebracht ist. Dort sollte uns das Stück "Das Liebeselixier" von Donizetti durch szenische Interpretation näher gebracht werden. Was genau wir uns darunter vorzustellen hatten, wussten wir noch nicht, aber interessanter als ein typischer Schultag versprach es allemal zu werden. Also stiegen wir in den Regional-Express und los ging es. Doch die Deutsche Bahn wäre nicht die Deutsche Bahn, wenn es unterwegs keine Komplikationen gegeben hätte. Eigentlich war alles ganz einfach: Wir würden mit dem RE nach Berlin Zoologischer Garten fahren, dort aussteigen und bis zum Schiller-Theater laufen. Doch eine lebensmüde Persönlichkeit machte uns einen Strich durch die Rechnung, indem sie es schaffte, sich auf die Gleise zu werfen, natürlich genau innerhalb unseres Zielbahnhofs. Keine Chance, an diesem unschönen Ereignis vorbeizukommen. Während uns der Lokführer mürrisch mitteilte, er warte noch auf Weisungen von oben, überlegten wir fieberhaft, wie wir noch pünktlich zu unserem Workshop kommen sollten. Nach mehrfachem Hin- und Her entschieden wir uns für die Weiterfahrt mit der S-Bahn. So kamen wir dann auch sicher und (mehr oder weniger) zufrieden noch fast pünktlich am Zielort an.  

Begrüßt wurden wir von zwei jungen und sehr engagiert wirkenden Frauen, Anna und Katharina, die uns unsere 20 Minuten Verspätung gnädig vergaben. Unsere Gruppe wurde nach einigen Worten der Begrüßung durch den weniger glamourösen Hintereingang in die Oper eskortiert. Einen deutlichen Kontrast zu diesem eher enttäuschenden ersten Eindruck bot jedoch der Zuschauerraum, ein riesiger Saal, den man als geschmackvoll eingerichtet beschreiben konnte. Vorausgesetzt man mochte samtbezogene Stühle und große Kronleuchter. Unsere erste Aufgabe vor Ort bestand darin zu schätzen, wie viele Zuschauer in jenem Saal Platz nehmen können. Ich denke, es sind um die 2000. Begleitet von einer dauerhaften Geräuschkulisse, die durch die auf der Bühne herumwerkelnden Arbeiter verursacht wurde, erzählten uns unsere zwei Begleiterinnen zudem einige Dinge über die Staatsoper und das Schiller-Theater. Anschließend führte uns eine halbe Weltreise über verwinkelte Treppen und durch finstere Gänge, wie man sie aus Mystery-Thrillern kennt, schließlich zum eigentlichen Ort des Geschehens. Kaum waren wir dort angekommen, erhielten wir auch gleich die erste Aufgabe, die uns Gymnasiasten an die Grenzen unseres Könnens brachte: Wir sollten uns in einem Kreis auf den Boden setzen. Nach mehreren Berechnungen von Radius, Umfang und Flächeninhalt gelang uns schließlich etwas annähernd Kreisförmiges.      

  

Doch kaum saßen wir, da mussten einige von uns auch schon wieder aufstehen. In kleinen Gruppen von ca. 4-5 Mann/Frau sollten wir den restlichen Schülern eine Emotion als Standbild näher bringen, während unsere Mitstreiter zu erraten hatten, um welche Emotion es sich handelte. Von Liebe (Hand auf's Herz und Kniefall) bis hin zur Arroganz war einiges dabei. Um nicht lauschen zu können, welche Anweisungen die zwei jungen Damen den kleinen Grüppchen gaben, mussten wir immer und immer wieder „Gemurmel, Gemurmel, Gemurmel“ murmeln. Das Verrückte ist, dass die entstehende Geräuschkulisse wirklich wie Gemurmel klingt. Wer mag, kann es gerne einmal ausprobieren - nur besser nicht im Unterricht... Anschließend ging es dann an die Wahl der Rollen. Adina, eine reiche Frau von hohem Stand und Nemorino, ein armer Kerl, der sich Hals über Kopf in Adina verliebt, sind die beiden Hauptpersonen der Oper. Dementsprechend wurden die Rollen auch oft vergeben. Zur Überraschung von vielen gab es auch einige männliche Anwärter für die Rolle der schönen Adina. Weitere Rollen wie Dulcamara, Belcore und Adinas beste Freundin standen ebenfalls zur Wahl. Um uns mit unserer Rolle besser identifizieren zu können, durften wir uns verkleiden. Dabei wurden uns Kostüme aus dem Fundus der Oper zur Verfügung gestellt.

Kaum waren wir in unsere Kleider, Uniformen oder Lumpen geschlüpft, war es wesentlich einfacher, sich in die Situation der einzelnen Rollen hineinzuversetzen. Und es wurde auch sehr viel leichter, eine spezielle Gangart für die Person zu entwickeln, wie es unser nächster Auftrag vorsah. Mit unseren einstudierten Bewegungen im Kreis laufend, übten wir die kurzen Sätze, die auf einem Rollenkärtchen standen. Diese singend unseren Klassenkameraden vorzutragen und dabei in unseren eingeübten Bewegungen umherzuschlendern, war unsere letzte Mission vor der Mittagspause.

Und schon da ging es mit den Interpretationsschwierigkeiten los: Wir, die wir Gianetta (oder wie auch immer sie hieß; wirklich keiner konnte sich ihren Namen merken!) spielen sollten, hatten uns anhand ihres Satzes "Leise, um Himmels Willen, noch darf das Geheimnis nicht offenbart werden!" zurechtgelegt, dass sie furchtbar wütend ist. Also stapften wir mit zornglühenden Augen über die Bühne und hörten uns dabei vermutlich wie eine Horde Trampeltiere an. Egal, wir waren ja schließlich echt sauer. Der Haken an der Sache war nur, dass wir, als die Musik angestellt wurde, feststellen mussten, dass wir uns in der Emotion geirrt hatten. Die Musik war viel zu ruhig, als dass jemand hätte wütend sein können. Wir beschlossen weiterhin zornig zu sein, auch wenn wir uns dabei ziemlich albern vorkamen. Was tut man nicht alles für die Schauspielerei... Zum Glück endete das Lied bald und so auch unsere Tortur.

Nach einigen weiteren etwas passenderen Darbietungen der einzelnen Charaktere war es an der Zeit, die Mensa kennenzulernen, um dort die Mittagspause zu verbringen. Uns wurde mitgeteilt, dass wir unsere Kostüme ruhig anbehalten könnten, schließlich sei es in der Oper gang und gäbe, kostümiert umherzulaufen. Bequem wie einigen von uns war, zogen wir unsere Dorfmädchen-Outfits oder Offiziersuniformen also nicht aus. Kaum waren wir jedoch in der Mensa angelangt, wurde über unsere schicke Bekleidung der eine oder andere weniger freundliche Kommentar abgegeben und viele fanden uns ungeheuer amüsant. So viel also zum Thema Unauffälligkeit... Nach dem Mittag war unser Auftrag eine Szene aus dem Stück nachzuspielen, natürlich mit unseren eigenen Texten und diesmal zum Glück ohne Gesang. Dadurch, dass alle Szenen bis kurz vor dem Ende von uns interpretiert wurden, hatten wir also am Ende des Tages ein ziemlich vollständiges Bild von der Oper, allerdings wurde uns nur so viel verraten, dass wir dennoch voller Freude und sogar mit gesteigertem Interesse dem Opernbesuch am kommenden Freitag entgegensahen. Viel zu schnell endete so ein unterhaltsamer Tag, der wieder einmal unter Beweis stellte, dass alternativer Unterricht ebenso lehrreich, aber deutlich unterhaltsamer als gewöhnlicher Frontalunterricht ist. Für diese Erkenntnis und für den einzigartigen Unterrichtstag sowie die äußerst mitreißende Opernaufführung am darauf-folgenden Freitag, bei der wir in der zweiten (!) Reihe saßen, möchten wir uns bei den dafür verantwortlichen Mitarbeitern der Staatsoper bedanken. Wir können diesen Kurs nur weiterempfehlen und hoffen, dass die Staatsoper ihn noch viele Jahre für weitere interessierte Schüler anbietet.

Jane Mademann (Autorin, zweite von rechts) 31.05.2013

 

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